Waldweg, nördlich von Eschendorf
Dolchtal, Talländer[
Karte] [
Charkterbeschreibung]
14. Alturiak 1372Schwitzend stapfte Hannibal den verschneiten Weg hinauf. Sein Herz schlug schnell von der Anstrengung, die Lederrüstung klebte inzwischen klatschnass an seiner Haut. Der kalte Wind peitschte ihm von rechts Regentropfen ins Gesicht, es roch nach Kiefernharz und kaltem Rauch, der noch vom Vorabend in seinem dünnen Mantel hing.
'Das soll Urlaub sein,' fluchte er.
'Bei Tyr, nicht einmal Meisterin Elvyra hat mich derart geschunden.'Erst vorige Woche hatte Hannibal seine dreihjährige Ausbildung in einem Tempel in Schlachtental beendet und war in sein kleines, friedliches Heimatnest Eschendorf zurückgekehrt. Er hatte noch keine großen Pläne für die Zukunft, doch wenn er bei den Tyranern eines gelernt hatte, dann dies: Es gab nahezu keinen Ort in den Reichen, an dem Tyrs Gerechtigkeit nicht gebraucht wurde.
Der junge Mann erreichte die Kuppe des Hügels, von wo aus er unter einer dicken Schneedecke den alten Steinbruch am Wegesrand sehen konnte. Auch die Hütte des Steinmetz David konnte er auf der anderen Seite der langen Grube sehen. Er schloss den Griff seiner Rechten fest um den Schaft des leichten Streitkolbens und vergewissterte sich, dass der Dolch griffbereit in seinem Gürtel steckte.
"JONAS! ELENA! SEID IHR HIER?", rief er laut. Die Felswand des Steinbruchs warf ein undeutliches Echo zurück.
'Oh Leichtsinn der Jugend', dachte er verbittert, und musste unwillkürlich grinsen: Fühlte er sich bis gestern nicht noch selbst wie ein Kind?
Er atmete tief ein und trottete, auf dem glatten Schnee immer wieder ins Rutschen geratend, den Pfad zur Hütte hinunter.
Seid Herzog Randal Morn vor drei Jahren die Truppen der Zentilfeste aus dem Dolchtal verjagt und seine rechtmäßige und gütige Herrschaft angetreten hatte, herrschte in der Umgebung des Dorfes ruhige, friedliche Langeweile. Und selbst damals, als die Zentarim das Tal besetzt hielten, war deren Interesse für die weit ab vom Schuss liegenden Gehöfte im westlichen Dolchtal äußerst gering. Da alle kampfeswilligen jungen Männern bei des Herzogs Freiheitsreitern dienten, war die Sicherheit Eschendorfs, das nichteinmal eine Stadtwache hatte, allein dem Willen der Götter und der Harmlosigkeit seiner Umgebung anvertraut.
"JONAS!" Heftig klopfte Hannibal an die Tür der kleinen Holzhütte, dann drückte er sie auf. Die Werkzeuge hingen fein säuberlich an der Wand, die Hocker waren ordentlich unter die Werkbänke geschoben. Nur der frische Geruch von Petroleum verriet, dass der alte Steinmetz recht gehabt hatte: Jonas und Elena waren in der vorigen Nacht hier gewesen. Und jetzt waren sie fort.
In den letzten Tagen hatten mehrere Dorfbewohner berichtet, was undenkbar schien: Es musste ein Trupp Orks aus den Bergen in den Wäldern um das Dorf unterwegs sein! Nicht nur die Spuren schwerer Stiefel und die kalten Überreste zweier Rastplätze waren entdeckt worden - der Jäger Alrik hatte aus einem Versteck drei ihrer Krieger mit eigenen Augen gesehen.
Es musste sich um einen Spähtrupp handeln, und Hannibal musste sofort an die ironischen Worte von Bruder Rufus denken, dem Schwertkampfausbilder im Tempel:
'Orks sind Herdentiere. Wo einer ist, sind noch mehr...'Hannibal war kein guter Fährtenleser, doch die Stiefelabdrücke im tiefen Schnee unweit der Hütte waren kaum zu übersehen.
'Eins. Zwei... und drei. Und die hier müssen von den Kindern sein.' Jonas und Elena hatten sich gestern Abend aus dem Dorf geschlichen, da ihre Eltern die kleine Liebelei zwischen ihnen nicht duldeten. Jonas' Vater, der Rapsbauer Andros, war ein strenger Gläubiger des Ilmater und hielt wenig von den Freuden des Lebens. Und trotz Elenas zartem Alter von gerade einmal fünfzehn Jahren war sie bereits außerordentlich hübsch, und ihre Eltern hofften, sie einmal mit einem reichen oder gar adeligen Freier verheiraten zu können.
Grimmig zog Hannibal sich den Mantel enger um die Schultern, um sich vor dem von den Tannenzweigen rieselnden Schnee zu schützen, als er sich den Spuren folgend einen Weg zwischen den Bäumen hindurch bahnte.
Es war bererits Mittag, als ihn die Fährte zu einem kleinen Fluss führte. Das Gewässer nicht tief, aber war etwa sechs Meter breit, und eine alte Seilbrücke reichte von einem Ufer zum anderen. Vorsichtig suchte Hannibal mit den Augen den gegenüberligenden Waldrand ab, bevor er die Deckung des Gebüschs verließ. Ein mulmiges Gefühl hatte von ihm Besitz ergriffen. Sehnsüchtig dachte er an das handliche, scharfe Langschwert, mit dem er im Tempel üben durfte.
'Eines wahren Klerikers würdig', erinnerte er sich. Doch hier in seiner Heimat besaß fast niemand eine Waffe, wenn sie nicht als altes Familienerbstück über dem Kamin hing. Bis auf ein paar Dolche und leichte Speere für die Jagd war in Eschendorf nichts zu bekommen.
Er hatte die Brücke erreicht, schob den Streitkolben in den Gürtel und fasste versuchsweise nach den in Hüfthöhe angebrachten Seilen. Sie waren glatt und kalt von dem Frost, aber wirkten stark genug, um ihm halt zu geben. Das untere Tau begann zu schwingen, als er einen Fuß vor den anderen setzte. Unter ihm floss das Eiswasser, dass die mittagliche Frühlingssonne in den Bergen zum schmelzen brachte, leise plätschernd ins Tal hinab.
Er hatte noch nichteinmal die Mitte des Bachs erreicht, als die Seile am anderen Ufer abrissen und er mit einem überraschten Aufschrei in das kalte Wasser fiel. Der schock raubte ihm beinahe das Bewusstsein, voll Panik versuchte er sich aufzurappeln, rutschte auf den nassen Steinen aus und fiel nocheinmal hin. Dann erst kam er zitternd auf die Beine.
'Eine Falle!' Eilig huschte er leicht geduckt zum anderen Ufer und verbarg sich schnell zwischen den Bäumen, um abzuwarten, ob ihm jemand aufgelauert habe. Als sich nichts regte, atmete er erleichtert auf. Die Seile waren mit kräftigen Hieben einer Axt durchtrennt worden, die auch Kerben in die Holzphäle darunter geschlagen hatten. Nur zwei der Seile waren so manipuliert worden, dass sie gerade noch einen Moment halten konnten. Die List hatte funktioniert: Hannibals Kleidung war durch und durch mit dem eiskalten Wasser durchtränkt.
'So hole ich mir nur den Tod. Oh Tyr, gib mir Kraft!' Seufzend zog er Lederrüstung, Mantel und Hemd aus und drehte die Kleidungsstücke mit festen Handgriffen zu Rollen, aus denen das Wasser tropfte. Alle drei legte er dann auf einen Felsbrocken am Fluss, um sie von der Sonne trocknen zu lassen.
'Aber so lange kann ich nicht warten.' Mit der flachen Hand wischte er die nassen Tropfen von seinem drahtigen Oberkörper. Dann machte er sich auf, um die Fortsetzung der Spuren am anderen Ufer zu suchen.
Jetzt erlebte er die zweite, böse Überraschung: Es waren keine Spuren mehr zu sehen. Am Waldrand hatte die Sonne die Schneedecke zu einer harten, glatten Kruste verschmelzen lassen, aber als er eine kleine Runde unter dem Blätterdach drehte, konnte er auch im tiefen Schnee keine Abdrücke finden.
'Garnicht dumm. Die müssen sich ein Stück lang im Bach selbst bewegt haben. Aber flussaufwärts oder abwärts?' Angespannt kehrte er zum Fluss zurück. Flussabwärts lag in einiger Entfernung das Dorf, flussaufwärts kam man in die Berge. Letzteres erschien wahrscheinlicher.
'Und wenn sie gerade deshalb doch flussabwärts gelaufen sind?' Eigentlich waren Orks nicht für ihre Intelligenz bekannt. Aber das Leben der Kinder stand auf dem Spiel.
Sorgfältig untersuchte Hannibal das Flussufer. Und tatsächlich: Er entdeckte ein paar Blutstropfen auf den Steinen, die in einer feinen Linie nach Westen führten.
'Was für ein Glück. Also hinauf in Richtung Berge.' Diese neue Spur setzte sich fort, und kurz darauf fand Hannibal einen blutigen, spitzen Stein.
'Jonas! Er muss sich absichtlich geschnitten haben! Braver Junge.' Augenblicklich fasste Hannibal neuen Mut. Die warme Sonne trocknete bereits seine nackte Haut.