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Sigil, das ist die Stadt der Tore. Eine große Stadt, die vor Lebendigkeit vibriert, wo das anderswo Aussergewöhnliche keinen zweiten Blick wert ist. Eine Stadt, wo sich ein Tanarukk fürchten kann, denn es gibt hier Wesen, die brutaler, stärker und gemeiner sind als er selbst. Eine Stadt, in der eine Elfe neidisch werden kann, denn es gibt hier Wesen, die schöner, weiser und älter sind als sie. Riesengrosse Mäuse und kakerlakenkleine Drachen. Ohja, und vielerlei Dinge mehr. Sigil, das ist eine Hohlkugel, und die Stadt geht rings im Kreis herum, beisst sich selbst in den Schwanz - ohne Ende und ohne Anfang, ohne Bezugspunkt und ohne Sinn. Aber: In diesem ganzen Chaos gibt es auch eine Art von Ordnung, eine ganz bestimmte. Denn: Sigil, das ist die Stadt der hunderttausend Tore - dort, wo alles hinführt: aber nichts mehr herauskommt. Und so sortiert sich alles, was dort angeschwemmt wird, nach seiner eigenen Art; nach seiner eigenen Stärke, Herkunft und Geschichte. Dinge auch, ohja; aber vor allem Lebewesen. Denn wenn man einen anderen seiner eigenen Art findet, so ist es nur natürlich, daß man in seiner Nähe bleiben will, nicht wahr? So gibt es ein hier ein Stadtviertel, da wohnen fast nur Menschen; man könnte meinen, man wäre in Tiefwasser oder vielleicht in Silbrigmond. Die Kinder spielen schreiend auf der Strasse, und die Mütter rufen sie zum Essen. Und es gibt eines, da wohnen die Eladrim, und die Dächer ihrer Häuser scheinen aus purem Gold, und in den Strassen patroullieren Solare und Planetare, unermüdlich und sinnlos, denn dort verübt ganz sicher niemand ein Verbrechen. Ich glaube sogar auf die Strasse zu spucken, ist dort schon strafenswert. Ha, aber es gibt auch jene Viertel, in denen sich das sammelt, was anderswo nicht gebraucht und nicht gewollt wird. Müll, sozusagen; Abschaum. Der Rest. Bist Du sicher, daß Du hier eintreten willst, Reisender? Was mag Dein Ziel sein, weisst Du es ganz genau? Denn andernfalls sind diese Viertel - die Bewohner nennen sie gerne auch 'Schattenviertel' - äusserst gefährlich, zumal bei Einbruch der Nacht, wie jetzt. Was hier lauert, kann niemand wissen, und wer hier der stärkste, der brutalste, der weiseste oder schnellste ist - das vermag niemand im Voraus zu sagen.
Aber glücklicherweise steht am Eingang dieses einen Schattenviertels ein reichlich windschiefes Haus, das schon bessere Tage gesehen hat. Die Tür ist wohl einmal von einem Troll aus den Angeln gedroschen worden; jedenfalls dient sie nun als vielgenutztes Trittbrett vor den abgenutzten Stufen, die in den einzigen großen Raum dieses Gebäudes hinein führen. Schon auf der Strasse riecht es von dort drinnen nach schalem Bier und Rauch und fettem Braten; wenn auch kein Wesen auf ganz Sigil zu sagen vermag, ob es dort drin wirklich, wie angepriesen, Schweinebraten gibt. Über dem Türsturz, den einige kundige und weniger kundige Hände mit seltsamen Schriftzeichen, Runen und mehr oder weniger eindeutigen Scherzen verziert haben, hängt ein altes Schild. Es quietscht, und es ist ein blutiger, abgetrennter Kopf darauf gemalt; auch mit eher wenig kundiger Hand.
Nun, wer immer in der Nähe dieses seltsamen Stadtteils auf der Suche ist nach jemandem, wer sich verlaufen hat oder einen Tagelöhner braucht, wer ein billiges Transportmittel kaufen möchte oder glitzernde Edelsteine spottbillig zu verhökern hat - wer jemanden braucht, der keine Fragen stellt, oder im Gegenteil jemanden, der ausführlichst antwortet, wenn nur die Münzenzahl stimmt - der geht hier aus und ein, in der Kneipe "zum Kopf". Kurzum: Beinahe jedermann, der sich auch nur halbwegs durch die Tür quetschen kann. Vom "Kopf" gibt es Geschichten, lieber Wanderer, die kein Mensch - pardon - und auch kein anderer Ebenenreisender so recht glauben, aber erst recht auch nicht abstreiten kann. Zum Beispiel soll ein fassdicker Mönch im Keller eingemauert sein und alle vierzig Jahre erscheinen, um aufs schauerlichste zu heulen, zu stampfen, zu rasseln und alle zu ermorden, die in diesen Nächten im "Kopf" ihr Ruhelager aufgeschlagen haben. Oder es soll einmal ein durstiger Drache den riesigen kupfernen Kopf durch die Türöffnung gezwängt haben und - gegen angemessene Bezahlung, wohlgemerkt - sämtliche Biervorräte eines ganzen Monats aufeinmal ausgesoffen haben. Und einmal sollen sich hier ein Githyanki und ein Githzerai zufällig getroffen und von einem die Einrichtung zertrümmernden Kampf abgesehen haben - sie waren beide so besoffen, daß sie Arm in Arm nach Hause liefen. Ohja, und das Holz der Tische im "Kopf" ist aus dem so überaus seltenem Goldholz, nur kann man es nicht mehr sehen, weil soviel Fett und Bier darüber gelaufen ist. Überhaupt ist der "Kopf" vermutlich die älteste Kneipe Sigils. Oder zumindest die zweitälteste, oder vielleicht steht sie nur auf den Grundmauern einer vormaligen Kneipe und diese wiederrum auf den Grundfesten einer vorherigen und vorhergehenden und diese auf einer zuvor und so weiter und so weiter... So, und nun kommst Du, Wanderer, und stehst vor dieser Tür. Irgendjemand hat in die steinerne Türzarge den überaus sinnigen Spruch geritzt: "Doahoam issas do bessa." Willst Du wirklich hier hineingehen? Und was ist Deine Geschichte? Bringst Du sie mit - oder trägst Du eine fort?
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